Search

Pages

04 Oktober 2011

The catcher on the street

Schwein


Ich gehe jetzt wieder zur Schule. Das Schicksal hat es entschieden. Vorgenommen hatte ich es mir schon lange. Man kann gut und gerne von Monaten reden, in denen ich diese Entscheidung vor mir hergeschoben habe. Warum? Man hat ja Angst sich zu blamieren. Und was sollen die anderen denken, wenn man was Falsches sagt. Ist ja peinlich, wenn man was nicht weiß, was sonst jeder weiß. Wenn man dann rot anläuft, weil man sich das zu Herzen nimmt. Und denkt: Jetzt geht die Welt unter. Nein, besser: Ich versinke in ihr. Also habe ich die Anmeldung immer wieder vorsätzlich vergessen. Es kann ja sein, dass schon alle Plätze voll sind, wenn ich mich dann wirklich anmelden will. War aber nicht so. Am letzten Tag der Anmeldung, am Tag der ersten Unterrichtseinheit war noch frei: ein Platz. Mist, verdammter. Da hab ich ja wirklich Glück gehabt. Ich geh jetzt also wieder zur Schule. Abends von sechs bis acht.
Der einzige Mann in unserer Klasse ist 72 Jahre alt und der Lehrer. Die Qualifikation für seine Tätigkeit: zwei Jahre als Stahlarbeit in den USA. Sein Hobby: Reisen. Das nimmt er ernst. Jedes Wochenende fährt er 1800 Kilometer mit dem Zug. Um sich zu entspannen. Mir fiele etwas anderes ein, wenn ich Rentner wäre und mich entspannen wollte: Aus dem Fenster gucken, Enten füttern, Suppe kochen. Aber nicht: Unterricht geben und am Wochenende zweimal 11 Stunden im Zug verbringen. Aber mittlerweile denke ich, nicht nur er fährt gerne Zug. Rentner überhaupt. Und manchmal sind die schlimmer als eine Bande 14-Jähriger. Auf meiner letzten Heimfahrt saßen vor mir sieben Ömchen, die eine Frauenreise unternommen haben. Hach und da gabs viel zu tratschen: von den einzig wahren WMF-Töpfchen über Udo Lindenberg bis hin zu: Handys. Die hatten sie sich nämlich erst geleistet. Und um zu zeigen, was die alles können, was haben sie da wohl gemacht? Jawohl- sie haben sich gegenseitig ihre Klingeltöne vorgespielt. Fünfzehn Minuten lang. Aber egal. Meine Klasse. Meine Klasse besteht sonst aus: mir und: 15 Hausfrauen. Anfangs aus: mir und: 15 Hausfrauen und: einer wirklichen Schülerin, aber die bleibt zwischenzeitlich zu Hause, da sie sich irgendwie fehl am Platze fühlt. Ich nicht. Ich fühl mich irgendwie wohl. Immerhin war ich die letzten drei Monaten auch eine von Ihnen. Eine die zu Hause bleibt, frühs die Küchenarbeit macht, mittags eine Serie schaut, nachmittags putzt, was gerade anfällt und abends das Essen auf den Tisch stellt, wenn der Mann nach Hause kommt. Ich kann also noch mitreden, wenn es um die Hochzeit des Jahres bei Rote Rosen/ In aller Freundschaft/ Sturm der Liebe oder das beste Mittel zum Teppich reinigen geht. Da werden Probleme besprochen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Das mit dem Teppich reinigen ist gar nicht so leicht, wie gedacht- nix mit Vanish drauf und dann absaugen. Nein. Da hatten die neu gewonnenen Freundinnen einen besseren Tipp. Und jetzt, da der Wohnzimmerteppich nach vier Tagen nicht mehr gewellt ist wie die Pappe vom neu gekauften Ölradiator und nicht mehr riecht wie der Dünger für die Palme auf dem Balkon, ja, da ist er wieder sauber. Und was ich gegen muffige Waschmaschinengerüche mache, habe ich jetzt auch raus. Auch sonst- nur lustige Sachen, die man dort hört. Zum Beispiel, dass man Niveadosen sammeln kann. Oder Schweine. Und das man von den Schweinen so circa dreitausend zu Hause rum stehen haben kann. Um sie anschauen zu können, mit Ihnen reden zu können und sie lieb haben zu können. So lieb, dass man nicht eine Nacht weg möchte von zu Hause. Nicht mal, wenn der Ehemann sich schon seit zwanzig Jahren wünscht, einmal London sehen zu können. Nicht mal dann. Entweder er fährt allein, oder er bleibt daheim. Bei dreitausend Schweinen. Das arme Schwein.

Der Titel ist geborgt bei Roald Dahl

16 September 2011

let me steal this moment from you

Der Schatten des Windes


Ich bin wieder angekommen. Zu Hause. Bei meinem Universum. In den grünen Wänden. Mit einem Koffer in der Hand, voll mit Tausenden von Bildern, ein paar Steinen, einer Mandelentzündung, einem halbwegs gelinderten Fernweh und einem unterdrückten ökologischen Gewissen, dass die geschrubbten 3230 Kilometer ganz schnell vergessen muss. Viel lieber soll es sich erinnern an:
Ein Open Air mitten auf dem Schlossplatz, mitten in der Landeshauptstadt, mitten in der Abendsonne, mittendrin mit roten Luftballons, blauen Halstüchern und feuchten Händen. Mit einem wieder funktionierenden Knie, mit leicht wippenden Hüften und dem Wunsch nach sofortiger Wiederholung. Und da dem nicht entsprochen werden kann, mit einer spontanen Entscheidung die Gunst der Stunde samt ihren unerwarteten sommerlichen Temperaturen zu nutzen und das historische Erbe der Stadt zu besuchen. Den früheren privaten Rückzugsort des Königs- heute einer der schönsten Tierparks mitsamt botanischen Garten, was mich einen Großteil meines Speicherplatzes kostete.
Oder an eine Stadt, in deren Schlossgarten ich die ersten Äpfel des Jahres stibitzen und den Mauereidechsen dabei zusehen konnte, wie sie sich die Sonne auf die Schuppen scheinen lassen. In der ich gelernt habe, wer eigentlich Friedrich Hölderlin war und warum dieser kleine Turm an der Neckar so oft fotografiert wird. In der ich Pommes mit Mayo gegessen habe, während sich Touristen in Stocherkähnen an mir vorbei haben schippern lassen. Und in der ich letztlich doch vergessen habe, mir eine Flasche Wein mitzunehmen. Was letztlich aber eigentlich auch egal ist, da es dergleichen sowieso in jedem Supermarktregal gibt. Denn die haben soviel davon, die verkaufen den sogar.
Oder an eine Stadt, in der ich mich und meine Ersatzhose vergessen habe und mitsamt Kissen, Decke, Nachthemd und einer genauso Verrückten in einen Tümpel gesprungen bin, auf dem ich es mir später in einem Ruderboot hab gut gehen lassen. Einen Tümpel, der seinen zarten Modergeruch erst freigegeben hatte, nachdem man bis zur Hüfte drin stand. Der sich in Kissen, Decke und Hose festgesogen hat und im Zug für ein freies Abteil nur für mich allein gesorgt hat. Einen Tümpel, der einen in sich bis zu den Knien hat einsinken lassen und einen nicht mehr freigeben wollte. Einen Tümpel, an dem sich, wie sich erst zu spät herausgestellt hat, Zecken pudelwohl fühlen, sodass ich ihm meine „Jetzt-muss-es-aber-fix-gehen“-Typhusimpfung mit dreitägigen „Auf-dem-Hintern-kann-ich-nie-wieder-sitzen“-Gefühl zu verdanken habe. Eine Stadt aber, in der es ebenfalls große Streetart zu bestaunen, leckeres Bruschetta zu essen, erfrischende Weinfeste zu feiern, goldene Hufe zu betatschen, winzige Gassen zu durchquetschen, viele Züge zu verpassen und kleine Konzerte zu genießen gibt. Kleine Konzerte in privater Sphäre. So privat, dass ich in dem fünfzig Quadratmeter großem Club locker mit dem Rhönrad hätte meine Runden drehen können, waren doch zehn Minuten nach offiziellem Konzertbeginn nur 16 Gäste da.
Oder an einen Badeort an der äußersten Nordostspitze, der seinen Namen den Tausenden von Muscheln zu verdanken hat, an denen man sich beim barfuß Laufen die Füße aufschneidet. Der dafür aber ein paar Ecken Sand- und auch Rasenstrand, einen Leuchtturm und eine über hundert Jahre alte Militärgeschichte zu bieten hat.
Oder an eine Stadt, die mit kulinarischen Genüssen wie dem Pfannenschlag, der Bregenwurst mit Schweinshirn und dem Zungenragout auffährt. Die aber getrost links liegen gelassen werden, um als erste Besucherin den 22 Hektar großen Tierpark zu besuchen und ihn als letzte wieder zu verlassen. Um eine Bootsfahrt zu machen, sich von Pelikanen beißen zu lassen und durch Elefantenpipi zu laufen.
Oder an einen Ort direkt neben einem 3000 Hektar großen Nationalpark in dem man zwar in den ersten Morgenröteminuten noch mit Rehfamilien einen Spaziergang machen, aber nicht ohne Flickzeug eine Radtour machen kann. In dem man zerfließende Schiffe und hängende Brücken sehen, Hühnergötter und in Bernstein eingeschlossene Mücken sammeln, das Meer in Nebel verwandeln, Schatten hinterlassen und Steinberge bauen kann. Von wo man noch drei Wochen später die Kreidespuren an der Jacke und den Sand in den Schuhen findet. Von wo man nicht weg möchte und wo man sich verspricht, bald wieder zu kommen.
Oder an einen kleinen Ort, der kaum mehr zu bieten hat, als das beste Restaurant in der Umgebung, einen Prominentenfriedhof, an dem man von zwei grinsenden Totenköpfen begrüßt wird und eine kleine Klosterruine, die aber wiederum so atemberaubend ist, dass sie schon von zwei Lightartkünstlern in einem mehreren Minutenfoto verewigt wurde.
Oder oder oder.

Der Titel ist geborgt bei Carlos Ruiz Zafon

10 August 2011

english summer rain



Veronika versucht zu sterben


Wie das so ist, wenn man das erste Mal in eine eigene Wohnung zieht: Man möchte sie gern ultraschick einrichten, hat aber keinen Pfennig in der Tasche. Keinen für Ikeabettwäsche, keinen für Ikeapapierlampenschirme und keinen für Küche, Bad und Sofa. Man hat also nichts. Außer ein paar Verwandten und Bekannten, die jetzt ihre Chance gekommen sehen, um ihren Dachboden, den Keller und die Garage endlich mal richtig auszumisten. Und so sammeln sich bei einem selbst Sachen an, die eigentlich schon vor Jahren auf den Müll gehört hätten. Aber wahrscheinlich waren sie mal teuer oder man hat sie mal von jemandem geschenkt bekommen, den man nicht kränken wollte. Da ging das mit dem Müll nicht. Aber für die erste Wohnung der Tochter/Enkelin/Nichte/Nachbarin, ja dafür ist das jetzt doch ganz praktisch. Unter dem ganzen Kram, der sich dann in dem ersten Jahr in meiner Wohnung angesammelt hat, war sie dann auch dabei. Meine Lampe. Meine Lampe, damit meine ich ein hässliches Stück Holz, umrahmt von goldenen Schnörkeln und gekrönt von drei hauchdünnen aber melonengroßen weißen Glaskugeln. Diese Lampe wog mindestens zwanzig Kilo und war schon so alt, dass es eine Herausforderung war, dafür Energiesparlampen zu finden. Die ersten paar Jahre haben lediglich Lampen reingepasst, die leider so lang waren, dass für die Glaskugeln kein Platz mehr war und im Endeffekt ein Stück Holz mit drauf geschraubten Energiesparlampen an der Decke hing. Da hatte selbst eine einzelne Glühbirne am Kabel mehr Stil. Und das hat sich auch nicht so weggeguckt wie das Fettfleck an der Tapete, das entstanden ist, als man merkte, dass das Pizzablech aus dem Ofen doch recht heiß ist und man das Blech sofort loslassen muss. Also war ich einmal im Monat im Baumarkt, um zu schauen, ob man nicht mittlerweile soweit ist, dass man kleine Energiesparlampen hat, die ich nutzen kann. Und in den acht Jahren, die die Entwicklung derart kleiner Energiesparlampen gedauert hat, hab ich sie wirklich lieben gelernt diese hässliche Lampe. So sehr, dass sie zwei Umzüge mitgemacht und mittlerweile auch einen Namen erhalten hat, der zur ewigen Liebe verpflichtet. Weil, irgendwie ist es ja auch was Besonderes, etwas sein Eigen zu nennen, was seit fünfzig Jahren (eigentlich zu Recht) nicht mehr produziert wird. Ich mein, da kaufen sich andere auf Retro gemachte Sofas, Kaffeemaschinen und Telefone- warum dann nicht diese Lampe? Warum nicht? Und, man mag es kaum glauben, seit zwei Monaten werden auch Lampen produziert, die klein genug sind, um in ihre Fassung zu passen UND die es dennoch erlauben die Glaskugeln oben drauf zu montieren. Die verschlingen zwar drei Taschengelder, hätte ich in der zwölften Klasse gesagt, aber das ist es ja wert! Ein Prachtstück! So ein Prachtstück, das der Rest der Wohnungseinrichtung jetzt nach ihrem Vorbild gestaltet wurde. Sie gibt hier also quasi den Ton an, in der neuen Wohnung. Das hab ich ihr auch gesagt, das mit dem Ton angeben. Mittlerweile muss ich aber vermuten, dass sie das falsch verstanden hat, das mit dem Ton angeben. Denn wie soll sie einen Ton von sich geben? Sie kann ja nur hell scheinen und ganz minimal Wärme angeben. Aber laut sein? Krach machen? Ein richtiges Tam Tam? Da ist ihr nicht viel eingefallen. Da gibt es ja eigentlich auch nur eine Möglichkeit. Und die heißt, bedauerlicherweise: abwärts! Und damit das jeder hört, um drei Uhr in der Nacht. Da stehen nicht nur ich, sondern auch sämtliche Nachbarn im Bett, wenn sie da von 2,50m Höhe in freiem Fall auf die Erde zusaust und unten mit einem lauten Klirren aufkommt. Und die milchigen Glaskugeln in tausende Splitter zerspringen. Und die neuen Energiesparlampen dazu. Klasse. Toller Ton. Tolle Töne! Waren ja gleich ganz viele auf einmal. Das splitternde Holz, das Krachen auf dem Parkett, das Reißen des Glases, das Fliegen der Splitter in alle Ecken. Haste bloß nicht richtig nachgedacht, schimpf ich mit ihr- jetzt biste doch hin! Im Eimer. Nicht mehr zu gebrauchen. Was soll denn das bitte? Argh! Da guckt er mich ganz schuldbewusst an, der Haken, der jetzt ein großes Loch in die Decke gerissen hat, als er mit der Lampe nach unten gesegelt ist. Als wärs nicht seine Schuld. Hach. Menno. Mist und Biberkacke! Ich lass den ganzen Kram erstmal liegen und geh wieder ins Bett. Ich kann die Leichenteile auch noch morgen aufsaugen und dabei traurig sein. Aber während ich im Bett liege und versuche vor lauter Wut wieder einzuschlafen fällt mir die Warnung einer Freundin wieder ein: “Bist du irre? Du benutzt Energiesparlampen? Da ist doch Quecksilber drin. Wenn das ausläuft, ey davon kannste dumm werden. So richtig blöde! Pläm pläm halt.“ Hm. Im Nebenzimmer liegen jetzt drei aufgebrochene Energiesparlampen. Und die Ritzen in der Tür sind groß genug, dass das zu mir rüber dampfen kann und ich dann beim Schlafen pläm pläm werde. Ich bin aber müde und wütend. Ich will das jetzt nicht wegsaugen. Also was mach ich? Was bleibt mir groß? Ich beuge vor! Damit ich nicht blöde werde, setz ich mich in mein Bett und mach Kopfrechenaufgaben. Vier mal Vier ist sechszehn. Bist noch nicht blöde. Puh. Glück gehabt. Aber war ja auch noch einfach. Mal schauen, wie weit du kommst. Fünf mal fünf, fünfundzwanzig, sechs mal sechs, sechsunddreißig, sieben mal sieben (jetzt wird’s schwieriger da die Zahl die jetzt kommen muss nicht auch mit sieben anfängt) ist neunundvierzig. Oder. Ich muss an den Händen nachzählen. Fünfunddreißig, zweiundvierzig.. ja stimmt. So, jetzt acht mal acht … hui, das ist schwierig. Achtundfünzig, zweiundsechzig … Mist ich muss nachzählen! Ich werd blöde. Mist, Mist, Mist. Muss ich doch raus und das Desaster wegsaugen. Bevor mir das Quecksilber alles wegdampft. Noch wütender stapf ich raus, renn in die ersten Scherben und hol meinen Sauger. Stecker rein, auf volle Pulle und los geht’s. Für ungefähr zehn Sekunden. Dann gibt der Sauger ein lautes Husten von sich und macht nichts mehr. Keine Ahnung, ob er sauer ist, weil ich ihn nachts wachgemacht habe oder weil ich ihn mit Scherben, nicht gerade eine Delikatesse, füttern wollte. Wildes Rütteln an der Steckdose und wiederholtes Drücken auf den Schalter helfen auch nicht. Na das habt ihr beiden euch ja prima ausgedacht, dass ihr euch beide zeitgleich aus dem Staub macht. Und wenn ich jetzt noch sage, das tags darauf der Mixer, als er „Wiedergutmachmuffins“ zaubern sollte, mit Pauken und Trompeten den Abgang gemacht hat glaubt mir sicher keiner, der nicht von den Muffins gekostet hat, die einen leichten Geschmack von verkohltem Kabel hatten.

Der Titel ist geborgt bei Paulo Coelho

02 August 2011

Lightshow

01 August 2011

Mord im Gurkenbeet


Halb acht quäl ich mich aus dem Bett. Weil ich pinkeln muss. Eigentlich könnt ich länger schlafen. Heut haben wir extra Urlaub genommen. Aber daran hab ich gestern Abend nicht mehr gedacht, als ich noch einen halben Liter schwarzen Tee trinken musste, bevor ich ins Bett gegangen bin. Das hab ich jetzt davon. Ich schlurfe also aus dem Bett, durch die Stube in den Flur, an der Wohnungstür vorbei, geradewegs auf die Toilette zu. Moment. Einen Meter zurück. Da liegt was bei der Wohnungstür. Ein riesiger weißer Zettel. Sieht aus, wie unter der Tür durchgeschoben. Könnte also wichtig sein. Okay heb ich ihn auf. Was steht denn da?! „Schönen guten Morgen! Ab heute werden die Kanalisationsrohre neu gemacht. Wir bitten Sie daher zu beachten, dass in den nächsten drei Tagen weder die Toilette noch die Dusche benutzt werden können. Vielen Dank für ihr Verständnis!“ Moment. Ich muss kurz die Augen reiben. Da ist noch Schlafsand drin. Hhm. Steht immer noch da. In hellblauer Schrift. Nochmal reiben! Diesmal fester! Das kann nicht sein, das steht immer noch da. Und nen grinsender Smiley ist dahinter. Ey! Was soll denn das? Ich will pinkeln! Ich muss pinkeln! Und duschen! Und die Zähne putzen irgendwann auch. Und vielleicht Wäsche waschen. Und abwaschen auch! Ey! Nochmal! Was soll das? Ich hab dafür kein Verständnis! Nicht jetzt! Nicht heut! Nicht am freien Tag! Huch, guck mal, da liegt noch ein Zettel. Von der Nachbarin. Darauf steht, ich möge beachten, dass es heut schon ab sieben Uhr los geht (klar, ist ja ein Handwerk) und daneben hat sie einen traurigen Smiley gemalt. Super. Da bin ich ja nur dreißig Minuten zu spät dran. Ich hätte jetzt gern einen Zettel zur Hand, auf den ich einen Smiley mit zusammengekniffenen Augen und Knien zeichnen kann. Denn ich muss pinkeln. Und jetzt erst recht. Vielleicht kann ich das ja beim Vermieter tun, der es anscheinend irgendwie verpennt hat, einen rechtzeitig oder überhaupt erstmal darauf hinzuweisen, dass derartige Maßnahmen anstehen. Warum eigentlich nicht. Dass der absichtlicherweise kaum hundert Kilometer von hier entfernt wohnt, soll mich nicht stören. Ich hab ja mein Fahrrad.
Es ist mittlerweile also 07:43 Uhr, ich habe mir irgendeine Hose, irgendein T-Shirt und irgendeine Jacke übergezogen und schwinge mich auf mein Rad. Als Erstes halt ich an einem Bäcker, um 1. zu pinkeln, 2. Brötchen zu kaufen und 3. literweise Kaffee zu trinken, um auch ja wieder voll zu sein, wenn ich beim Vermieter ankomme. Man könnte sagen, ich sei wütend. Aber wütend schmeckt der Kaffee auch ganz gut. Bisschen bitter, leicht gallig, aber das passt zur Situation. Dann kann ich mich erneut aufs Rad schwingen und in den ersten zehn Kilometern genüsslich planen, was ich mache, wenn ich am Ziel angekommen bin. Nur fragen: darf ich zur Feier des Tages ihre Toilette benutzen reicht irgendwie nicht. Vielleich sollte ich warten, bis es dunkel ist und dann auch mal einen schönen Zettel schreiben. Zum Beispiel: „Die nächsten fünf Tage bitte nicht vor die Tür gehen! Chemieunfall! Erstickungsgefahr!“ oder „Der Hinweis kam leider zu spät. Ihre Mieter haben die Toilette dennoch genutzt. Dies führte zu einer Verunreinigung des Grundwassers in der Umgebung. Bitte kommen sie für den dadurch entstandenen Schaden auf!“ oder „Leider gelang es mir aufgrund der kurzfristigen Information über die Unmöglichkeit der Nutzung der Wohnung nur noch ein Hotelzimmer im hiesigen Fünfsternehotel zu beziehen. Anbei lege ich die Rechnung. Ich bitte um sofortige Begleichung des Betrages. Hochachtungsvoll. Ihre Mieter.“ Warum geizen? Warum nicht alles auf einmal? Heidewitzka, das wird ein Spaß! Mit derlei Hirngespinsten kann ich mich jedenfalls die ersten zehn bis zwölf Kilometer bei Laune halten. Dann merk ich, dass mein Kreislauf das abrupte Aufstehen gar nicht leiden kann und auf der nächsten Parkbank brech ich zusammen. So richtig mit Pauken und Trompeten. Dehydriert und frierend roll ich mich an der Bushaltestelle auf der Bank zusammen und schlaf von einer Sekunde auf die nächste tief und fest ein. Ein anhaltender Bus kann mich hier nicht wecken, da die nur dreimal am Tag hier verkehren. Also hab ich meine Ruhe. Zumindest für fünfzehn Minuten. Dann wach ich starr vor Kälte auf. Der Himmel hat sich zugezogen und es droscht wie aus Kübeln. Meine Beine haben während meiner kurzzeitigen REM-Phase aus dem Bushäusschen rausgeragt, was zur Folge hat, das die Jeans durchgeweicht ist und klatschnass an meinen Knochen klebt. Mittlerweile bin ich wirklich sauer. Auch wenn der Vermieter wahrscheinlich nichts mit dem Wetter zu tun hat, denk ich mittlerweile an Mord. Und die Schlagzeile am nächsten Morgen: „Rentner im eigenen Gurkenbeet erdrosselt aufgefunden“. Die Fantasie geht mit mir durch. Wahrscheinlich habe ich jetzt schon Fieber. Damit mein Oberkörper nicht auch noch nass wird und ich nicht noch eine Grippe riskiere, dreh ich mich nochmal auf der Parkbank um, bis das Unwetter vorübergezogen ist. Das schöne Riffelmuster von der Bank will ich außerdem noch auf der anderen Wange haben. Schlafen kann ich aber nicht mehr. Der Regen drückt die Dämpfe der Umgebung in die Luft. Allem Anschein nach hab ich mich für mein Päuschen in eine Gegend voller Bauernhöfe gelegt, die ihr täglich Brot mit Massentierhaltung verdienen. Es riecht unerträglich nach nassem Futter, altem Schweiß, Tod und Exkrementen. Und ich habe das Gefühl, all das einzuatmen. Ich muss hier weg. Dem Mistwetter zum Trotz hiev ich mich auf mein Rad und maloche noch 10 Kilometer weiter Richtung Westen. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit liegt jetzt bei 7,8 km/h. Immerhin fahr ich mittlerweile auf einer Straße, die irgendwann in ihrem Leben einmal geteert wurde und nicht mehr auf Trampelpfaden. Und irgendwann, nach gefühlten 5 Stunden strande ich mit meinem Rad an einem See. Und da gibt es einen Sandstrand, Kuchen und Holzbänke. Und da scheint tatsächlich die Sonne. Nur über diesem See. Herrlich, ist das schön! Die Wut ist plötzlich verflogen. Ich kauf mir Kuchen, leg mich in den Sand und lass mich trocknen. Vom Zug lass ich mich dann abends wieder nach Hause fahren, denn auch wenn es Handwerk ist, auch das ist irgendwann einmal vorbei.

Der Titel ist geborgt bei Alan Bradley