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25 April 2008

"Doktor Murkes gesammeltes Schweigen"

Untertitel für MTV

Das setzt man sich in einer ruhigen Sekunde auf’s Sofa, trinkt eine Limonade und schaltet den etwas in die Jahre gekommen Fernsehapparat ein, und dann läuft einem beim Viva so was übern Weg: „Hey Leute, heute geht es um die best female features ever. Zum ersten Track. Ihr kennt das ja, da gibt es einen Song mit deepen Lyrics, tighten Beats und einem coolen Rapper, aber erst die Uschi macht ihn zum Superhit.“ Nein das kenn ich nicht und was zur Hölle möchtest du mir sagen? Hat schon mal jemand über Untertitel bei MTV und VIVA nachgedacht? Ob Falco wusste, welchen Stein er ins Rollen bringt, als er sang: „Es war um 1780 / Und es war in Wien / No plastic money anymore / Die Banken gegen ihn." Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken. Das musste mein lang erwartetes Paket sein. Also Treppe hinunter gestürzt und da stand auch schon der Mann vom DPD. In der einen Hand eine Coffee-to-go, in der anderen Hand ein Gerät mit Touch-Screen-Technologie. Per Drag-&-Drop ordnete er mir das richtige Paket zu, ehe er den Cursor zum Unterschriftsfeld leitete und mich um ein Autogramm mit Hilfe eines Plastestabs, der nur noch aufgrund seiner Form an einen Stift erinnerte, bat. Ich tat ihm den Gefallen und signierte das Display. Der gute alte Deutsche Paketdienst ist auch nicht mehr das, was er mal war. Fortschritt und Globalisierung geben ihm den Anlass sich heute Dynamic Parcel Distribution zu nennen. Immerhin bleibt so viel Kundenfreundlichkeit über, um das Kürzel zu erhalten. Das ganze Prozedere trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Apropos Schweiß… Wer von euch kann behaupten den Text seines Shower-Gels genauer gelesen zu haben. Man mag es nicht glauben, was das für Allround-Genies seien sollen. Meins zum Beispiel soll mich „happyful“ machen. Ob das allerdings etwas Gutes oder Schlechtes ist, habe ich noch nicht herausgefunden, da weder Dictionary noch World Wide Web zur Übersetzung dieses Wortes fähig sind. Also flink auf die Homepage gehen, sämtliche Lifestyletipps ignorieren, einen langen Fragebogen ausfüllen um die E-mail abschicken zu können, in der um die Erläuterung der Etymologie des Wortes gebebten wird. Die Antwort steht bis heute aus. Um Andreas Möller zu zitieren: Hauptsache ihr hattet bei der Namensgebung „vom Feeling her ein gutes Gefühl.“
Um in einer schnelllebigen Welt nicht abgehängt zu werden, muss man sich also anpassen. Deswegen sitz ich jetzt nicht mehr auf meinen Sofa, sondern chille laid back auf meiner Couch mit einem Softdrink in der Hand und „dem Gedanken, es wird schon irgendwie flown.“ Im TV (sprich tivi) motiviert Detlef „D“ Soost seine Popstars gerade mit dem Satz „Hey Leute, ihr seid so tight, wenn ich mit euch fertig bin, dann burnts!!!", aber ich reg’ mich nicht auf, ich bin relaxed.

Titel: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren
Autor: Heinrich Böll
Verlag:
Kiepenheuer und Witsch
Preis: € 7,90

13 April 2008

"Draußen vor der Tür"

Vor meiner Tür

07:09 Uhr. Am Samstagmorgen. Und ich werde geweckt. Von meinen Nachbarn. Anscheinend haben sie sich gerade frisch das neue Album vom Herrn Lindenberg runtergeladen und müssen es jetzt in voller Lautstärke Probe hören. Prima. Auch wenn zurzeit anscheinend jeder Sympathien dafür hegt- bei mir ist der Mann der Grund, warum das Radio in den nächsten Wochen aus bleibt! Es gibt ja sonst keinen Weg zur Flucht. Und ich möchte, wenn ich durchhänge, lieber in mein Bett und schlafen, aber das sollte mir ja nicht gegönnt werden. Und mein Gegenangriff nur mit Ignoranz gestraft werden. Was bleibt ist ein schlechter Start in den Tag, trotz dass zum ersten Mal seit langem durchgehend schönes Wetter bevorsteht. Wer hätte da gedacht, dass der Gang zur Apotheke um die Ecke da das Wochenende rettet? Aus dem Gang werden gute drei Stunden, die Kamera wird ausgepackt und die Frühlingsstrahlen ausgenutzt. Wer weiß, wann das wieder kommt…

Titel: Draußen vor der Tür
Autor: Wolfgang Borchert
Verlag: rororo
Preis: € 4,90

07 April 2008

Zitat II

04 April 2008

Zitat

"Interessant waren die Mittagspausen, wo wir in der Kantine, von lautloser Fröhlickeit umgeben, vitaminreiche Speisen aßen. Es wimmelte in Wunsiedels Fabrik von Leuten, die verrückt darauf waren, ihren Lebenslauf zu erzählen, wie eben handlungsstarke Persönlichkeiten sind. Ihr Lebenslauf ist ihnen wichtiger als ihr Leben, man braucht nur auf einen Knopf zu drücken, und schon erbrechen sie ihn in Ehren."

Heinrich Böll

03 April 2008

"Mordmethoden"

Kleine Anekdote am Rande

Auf dem Weg zur Uni. Ist ja nicht weit, also geht es fix. Ein schwarzer Leichenwagen kommt im gemächlichen Tempo auf mich zugerollt und hält an. Das Fenster wird runtergelassen und ein ca. 25jähriger Mann mit langem schwarzen Haar und langen, spitz gefeilten Fingernägel schaut mich fragend an: „Hey, tschuldigung, aber kannst du mir vielleicht helfen? Ich such hier ganz dringend die Pathologie. Ich muss da jemanden abholen!“ Eine freundliche Wegbeschreibung folgt. “Six feet under“ lässt grüßen.

Titel: Mordmethoden
Autor: Mark Benecke
Verlag: Bastei Lübbe
Preis: € 8,90

27 März 2008

"Die Hexe von Freiburg"

Die Hexen in Stuttgart

So hatte das wohl keiner von uns gedacht. Die Ostereier im Schnee zu suchen, statt zwischen Tulpen, den Osterbraten am Kamin statt unter der Frühlingssonne, Winterjacke satt Strickjäckchen. Da hat Petrus uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Demzufolge geht es mit den Winterstiefeln im Gepäck durch Schneeregen und Eisglätte nach Stuttgart. Ins schöne Schwabenland. In die Stadt, in der schon Roland Emmerich seine Kindertage verbracht hat. In unsere Unterkunft um erstmal die Heizung aufzudrehen. Es ist bitterkalt.
Soll noch mal einer sagen, Schwaben werden ihrem Ruf nicht gerecht: wo sonst gibt es abgezählte Brötchen zum Frühstück, Kaffee der seinen dunklen Ton allein der dunkelbraun eingefärbten Tasse zu verdanken hat, Kerzen auf dem Tisch, die vom Kellner nicht angemacht werden, weil sie nur Dekoration sind? Aber als Student ist man es ja gewohnt- sparsam sind wir ja auch. Mit großen Augen und platt gedrückten Nasen geht es daher an den ganzen Feinschmeckereien der Markthallen vorbei. Eine Pizza tut es auch. Wer will da schon ein Jahrhunderte dauerndes Leben, was uns die Rose von Jericho verspricht? Oder Artischockenherzen? Oder Trüffel? Nein, nein…Pizza ist da besser! Und macht satt! Was auch wichtig ist, da uns drei Stunden Hexentanz im SI- Centrum bevorstehen. Wer also noch nicht genau Bescheid weiß über die böse Hexe des Westens Elphabas, sowie ihren Gegenpart Glinda, der sollte sich hier einmal Nachhilfe holen und sich wieder verzaubern lassen, durch Musik, Kostüm und Bühnenkulisse!

Titel: Die Hexe von Freiburg
Autorin: Astrid Fritz
Verlag: rororo
Preis: € 8,95

19 März 2008

"Dead Zone"

Kopf oder Zahl

Vier Oscars hat er also bekommen. Bester Film, Beste Regie, Bester Nebendarsteller und Bestes adaptiertes Drehbuch. Und du willst unbedingt da rein? Bei den Auszeichnungen kann ja nichts schief gehen. Na gut- heut ist ja Kinotag- 3 Euro- kost ja nichts.
Im Kino eins sind wir. Im großen Saal. Dass kann ja nur was gutes heißen. Popcorn? Klar nehmen wir Popcorn. FSK 16- da passiert ja nichts.
Hm…im großen Saal…15, 24,27 Menschen. Liegt vielleicht am heut laufenden Spiel, dass es hier so leer ist. Heißt also nichts.
122 Minuten. Ohne Werbung. Die gibt es hier nämlich nicht. Wenigstens etwas Gutes. Aber trotzdem: 122 Minuten. Wir sinnieren darüber, was man eigentlich noch machen muss, damit ein Film ab 18 freigegeben wird. Klar- FSK 16- wir begünstigen was wir kritisieren. Wachsende Gewalt in der Gesellschaft. Emotionslosigkeit, Grausamkeit, Egoismus, Gier .So sind wir heute. Also muss es gezeigt werden. Jedem. Auch Kindern. Das hatte ich doch letztens erst- in nem anderem Kino, einem anderen Saal. FSK 12. Naja- wem's gewellt.
Nichtsdestotrotz- genügend schwarzer Humor war dabei, sorgsame Charakteranalysen, Genauigkeit. Und das Popcorn- das war gut.

Titel: Dead Zone
Autor: Stephen King
Verlag: Heyne
Preis: € 8,95

16 März 2008

"Feder und Tintenfaß"

„Ich selbst träumte in diesem Sommer von einem gewaltigen Spruchband, das dadaistisch wie eine Christo- Verpackung von einem Ende des Weißen Hauses zum anderen gespannt war und auf dem stand: HIER LEBT EIN MENSCHLICHES WESEN.“

„Der Kummer, der niemals sterben wird, ist hiermit für tot erklärt.“

„ Es ist faszinierend, was seelische Schmerzen bei einem Menschen anrichten können, der in keiner Weise schwach oder hinfällig ist. Seelische Schmerzen sind heimtückischer als körperliche, denn sie können nicht durch Morphiuminfusionen, Spinalanästhesie oder eine Operation gelindert werden. Wenn sie einen einmal in ihrem Griff haben, ist es, als könnte einen erst der Tod von ihnen erlösen. Es ist harter, grausamer Realismus, wie man ihn sonst nirgends findet.“

„ Was soll’s, dachte ich, wir werden bald genug tot sein.“

„Warum erzählt er mir das? Weil man sich selbst nur dann so bereitwillig aufgeben kann, wenn ein anderer davon weiß.“

„Nichts hat Bestand, und doch vergeht nichts. Und nichts vergeht, eben weil nichts Bestand hat.“

„Das Geheimnis, wie man mit einem Minimum an Schmerz ein Leben im Trubel der Welt führt, besteht darin, so viele Leute wie möglich dazu zu bringen, die eigene Verblendung zu teilen.“

„Primus hatte fast den Eindruck, als sei für Coleman Silk diese ungerechte Erniedrigung noch nicht erniedrigend genug, als sei er mit der schlauen Stumpfheit eines Verdammten, eines Menschen der gegen einen Gott gefrevelt hat, auf der verrückten Suche nach einem letzten, bösartigen, demütigenden Angriff auf seine Person, nach einer letzten Ungerechtigkeit, die seine Erbitterung für immer rechtfertigen würde.“

„Es war nicht der richtige Augenblick, all die Worte zu hören, die sie nicht sagte, die aber vernehmbarer im Raum standen als alle, die sie aussprach.“

„Ich nehme an, zu jeder tief greifenden Veränderung im Leben gehört, dass man zu jemanden „Ich kenne dich nicht“ sagt.“

„ Die Verbannung aus seinem früheren Leben ist vorbei. Er will zufrieden sein mit etwas weniger Grandiosen als dem selbstgewählten Exil und der übergroßen Anstrengung, die ihn das kostet. Er will bescheiden mit seinem Scheitern leben, sich wieder als ein vernunftbegabtes Wesen organisieren und den Schmerz und die Empörung aus seinen Gedanken verbannen. Wenn er unnachgiebig ist, dann will er es lautlos sein. Friedlich.“

„Brich durch die Mauer in die Freiheit. Freiheit wovon? Von der dummen Freiheit im Recht zu sein. Von der lächerlichen Jagd nach Bedeutung. Von dem immerwährenden Kampf um Rechtschaffenheit.“

„Was wir nicht wissen ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, was wir als Wissen betrachten.“

„Das was einen bezaubert, ist etwas, das nicht da ist, und das ist es auch, was mich die ganze Zeit zu ihm hingezogen hat, dieses geheimnisvolle Etwas, das er als etwas verbirgt, was nur ihm und niemandem sonst gehört. Er präsentiert sich wie der Mond, der immer nur eine Seite zeigt. Und ich schaffe es nicht, ihn ganz sichtbar zu machen. Es bleibt eine Lücke.“

„Schließ alle Türen, die und die Zukunft und die in die Vergangenheit. Alle gesellschaftlichen Gedanken- sperr sie aus. Alles, was diese wunderbare Gesellschaft von uns will. Die Art, wie wir uns in der Gesellschaft eingerichtet haben. Ich sollte, ich sollte, ich sollte. Scheiß drauf! Das, was du sein sollst, und das, was du tun sollst, tötet alles ab.“

„Eigennutz ist kein Motiv, das im dunkeln bleibt.“

„Menschen werden älter. Nationen werden älter. Probleme werden älter. Manchmal so alt, dass sie aufhören zu existieren.“

„Aber die Gefahr beim Hassen ist: Wenn man erstmal damit angefangen hat kriegt man hundertmal mehr, als man wollte. Wenn man damit angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Ich kenne nichts, das schwerer im Zaum zu halten ist als das Hassen.“

„Die Wahrheit über einen Menschen weiß niemand, oft am wenigsten derjenige selbst.“

„Er liebte sie. Denn das ist es, was die Liebe weckt: wenn man sieht, das jemand angesichts des Schlimmsten bereit ist sich darauf einzulassen. Nicht mutig. Nicht heldenhaft. Nur bereit sich darauf einzulassen.“

Phillip Roth

http://de.wikipedia.org/wiki/Philip_Roth

Titel: Feder und Tintenfaß; aus: Die Märchen
Autor: Hans Christian Andersen
Verlag: insel taschenbuch
Preis: € 20,00