01 Mai 2013
26 April 2013
Alle sieben Wellen
Bald
ist Halbzeit. Und ich kann immer noch nicht glauben, dass ich am anderen Ende
der Welt sitze. Vielmehr suche ich nach den Holzstützen hinter der
vermeintlichen Kulisse. Es ist unfassbar, wie mich dieses Land aus der Bahn
wirft. Morgens wache ich auf, weil mich die bereits jetzt rot glühende Sonne an
der Nase kitzelt, und das Erste was ich sehe ist der Ozean. Ein gut riechender,
salzig schmeckender und funkelnd glitzender Ozean, den ich nicht mehr hergeben
will. Der mir freigiebig seine größten Schätze zeigt und mich mit kunstvollen
Küsten lockt, mich aber auch gewalttätig in die Tiefe drückt und dabei gefühlte
Minuten lang atemlos macht. Der Freiheit verspricht und doch immer wieder zurück
kommt. Zu diesem Land voll von verrückten, bunten, liebenswerten, offenen
Menschen. Voll verrückter, bunter, fremdartiger, neugieriger Tiere. Voll von schwindelerregenden
Bergen, schwindelerregenden Brücken und schwindelerregenden Dünen. Frei von
TÜV, Pudelmützen und Elektronikfachgeschäften. Ich weiß nicht, ob ich sagen
kann, dass ich auch zurückkommen möchte, da ich momentan noch nicht daran
denken mag, überhaupt gehen zu müssen. Auch wenn natürlich nicht alles perfekt
ist. Die Sicherheitsbedenken lassen sich nicht von der Hand weisen. Im Dunkeln
zu Hause sein zu müssen, trifft mich nicht allzu hart. Nicht ordentlich Fahrrad
fahren zu können hingegen schon. Der Verschleiß an Fahrrädern und deren
Zusatzteilen ist sehr hoch. Von drei Fahrrädern und vier Schlössern wurden
bereits zwei Schlösser und ein Rad geklaut, was einen sehr langen und temporeichen
Fußmarsch in der Abenddämmerung zur Folge hatte. Beim zweiten Rad konnte man
den ersten, zweiten und dritten Platten noch verkraften, aussetzende Bremsen am
Berg hingegen nicht. Das dritte Rad leidet darunter regelmäßig die Pedale zu
verlieren, da es an passenden Muttern zur Befestigung mangelt. Ich könnte es in
Betracht ziehen zu Fuß zu gehen, was aber an zu großen Distanzen und daran
scheitert, als deutsche Juristin und damit als mögliches Raubziel sofort
erkannt zu werden. Ich kann es nicht mehr an meinen Fingern abzählen, wir oft
ich diesbezüglich schon identifiziert wurde. Und vor allem wie schnell. Im
Durchschnitt liegt die Quote unter einer Minute. Das hat irgendwie was Deprimierendes,
weil ich mir bisher immer erfolgreich eingeredet habe eben kein Stereotyp zu
sein. Die Möglichkeit sich den ersten eigenen Wagen anzuschaffen scheitert am
Geld, was ich mittlerweile ja allen, das heißt eigentlich dem einen, Fahrradhändler
vor Ort in den Rachen geworfen habe. Und so radel ich vorerst weiter mit einem
Pedal durch die Stadt und werde meinem Ruf als „crazy bicycle lady“ gerecht.
Der andere anzusprechende, nicht so perfekte Punkt ist eigentlich selbst
verschuldet und betrifft das Essen. Als auf Milchprodukte allergisch
reagierende Vegetarierin hat man es nicht leicht. Denn die Menschen hier lieben
zwei Sachen: Fleisch und Milch. So sehr, dass am Quängelregal der Kassen neben
Snickers und Zuckerbonbons auch ein umfangreiches Sortiment an Trockenfleisch
hängt. So sehr, dass man beim Bäcker scharf darauf achten muss keine mit
Nierchen gefüllten Teilchen zu erwischen. So sehr, dass sich vorm Besuch eines
Restaurants die Frage lohnt, ob überhaupt eine Speise ohne Tier auf dem Plan
steht. So sehr, dass es hier mehr KFCs als Tankstellen gibt. Aber dem
Fleischwahn kann man noch entgehen. Mit der Milch, da wird’s schon schwieriger.
Da fällt der morgendliche Kaffee weg, es sei denn, man steigt endlich mal auf
die Männervariante um und trinkt schwarz. Ebenso hat man auf Butter, Käse, Joghurt,
Quark, Brötchen und vor allem Schokolade zu verzichten, von denen man zu Hause
prima Ersatzprodukte gewöhnt war. Ehrliche, unverarbeitete Lebensmittel gibt es
kaum. Selbst Reis, Couscous und Frühstücksflocken gibt es nur in verarbeiteter
Form und natürlich mit extra Laktose zugesetzt. Ist man jetzt noch pingelig,
was das extrem süße Essen angeht, umfasst der Verzicht auch Fruchtsäfte,
Ketchup und Marmeladen. Da bleibt nicht allzu viel für den Küchentisch. Mein
Speiseplan besteht daher aus gekochten Haferflocken, einer Unmenge an Eiern und
Senf, Nudeln, Roibuschtee, Knäckebrot, roten Bohnen, weißen Bohnen, grünen Bohnen
sowie dem Obst und Gemüse, was es gerade gibt. Wobei man sich auch daran
gewöhnen muss, dass „was es gerade gibt“ auch so gemeint ist. Jeden Tag das
gleiche Angebot wie bei uns ist halt nicht drin. Aber ehrlich gesagt, dieser
Ozean, dieses Land, das wiegt das alles mit links wieder auf.
Der
Titel ist gemopst bei Daniel Glattauer
23 April 2013
08 April 2013
Der Weg zum Himmel
Elf, sechsundzwanzig,
vierunddreißig, einhundertvierzig. Die Maße einer Autobahnfahrt. Übersetzt
heißt das: elf liegen gebliebene Autos, sechsundzwanzig Anhalter,
vierunddreißig Spaziergänger am Straßenrand und das auf einhundertvierzig Kilometer
Autobahn. Die Schlaglöcher vom Umfang eines guten Palatschinken und einer Tiefe
des dazu passenden Nutellaglases habe ich mal nicht mitgezählt. Auto fahren ist
hier, nun sagen wir mal, ein Abenteuer. Zunächst hat man ja eigentlich nur Respekt
vor dem Linksverkehr, wenn man in ein Auto steigt. Und ja, man kann sich bemühen
wie man will, das ein oder andere Mal landet man im Gegenverkehr. Was aber
nicht weiter schlimm ist. Unsereins bekommt zwar kurz einen Herzschlag, hier
scheinen Verkehrsverstöße aber nicht nur verzeihlich, sondern vereinzelt auch erwünscht
zu sein. Das entnehme ich zum Beispiel den zwei Polizisten im Wagen neben mir,
die mich freundlich aber bestimmt bitten, mich doch über die rote Ampel zu
bewegen, wenn niemand anderes kommt. Das entnehme ich auch den drei Autofahrern
vor mir, die es schaffen auf einer einspurigen Landstraße zu dritt nebeneinander
zu fahren, weil der Überholende für den diesen Überholenden immer noch zu
langsam ist. Es fährt hier also alles ein bisschen nach Bauchgefühl. Und das
obwohl oder gerade, weil an den Straßenrändern eine wahre Schilderflut herrscht,
die manchmal einsehbar ist, manchmal aber auch nicht. Werden Schilder vorerst
nicht mehr gebraucht, hängt man einfach Säcke drüber. Gut, das tuts auch.
Wirklich wichtig sind sowieso nur drei Arten von Schildern. Erstens, Schilder
mit den Geboten Gottes. Zweitens, Schilder mit Telefonnummern, die anzurufen
sind, wenn man in den nächsten Kilometern eine Kuh überfährt. Und drittens,
Parkverbotsschilder auf einspurigen Autobahnbrücken. Solange man sich daran
hält, ist alles gut. Dann muss man sich eigentlich nur noch an die elf,
sechsundzwanzig und vierunddreißig gewöhnen, die hier wie selbstverständlich
zum Autobahnverkehr gehören. Auf so einer Art Allrounderspur von zwei Metern
Breite, genannt Shoulder, auf der linken Seite. Die ist mal da und mal nicht
und dient den Fußgängern und Trampern aber auch dem Überholvorgang, Parken und
Liegenbleiben. Was wiederum jedes Überholen als sehr spannend gestaltet. Jedes Mal
blinkt die Frage des eigentlich typisch deutsch Überversicherten im Kopf:
Reifenversicherung, check. Glasversicherung, check. Unfallversicherung, was ist
mit der Unfallversicherung? Großartig. Aber es lohnt sich. An die schönsten
Stellen kommt man nur, wenn man bereit ist, ein paar hundert Kilometer ohne
Pinkelpause hinter sich zu bringen, das Reifenwechseln drauf hat und man am
Ende seinen gemieteten Wagen vertrauensvoll in die Hände betrunkener
Parkplatzwächter legt. Und sonst.. nun ja, statt der überfahrenen Füchse liegen
hier überfahrene Affen auf der Straße. Aber im Übrigen ist eigentlich alles
gleich. Vor allem die Radiomusik.
Der Titel ist gemopst bei
Roald Dahl
29 März 2013
Gut gegen Nordwind
Alles scheint hier ein bisschen
extremer zu sein. Das Essen schmeckt süßer, das Wetter ist unberechenbarer und
die Menschen sind gelassener. Das meiste davon gefällt mir. Und alles davon
mache ich mit. Es hat nur ein paar Momente gedauert, bis ich Schokolade mit 50%
Kakaoanteil als Bitterschokolade akzeptiert habe, bis ich mit einem tiefen
Grinsen sowohl Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 40 als auch einen dicken Pulli
in den Rucksack gepackt habe und bis ich entschieden habe, dass es auch hier
ein Fahrrad sein muss. Auch wenn es sehr schwierig war, an ein Fahrrad zu
kommen, liebe ich es nun durch Sandstürme, an Buschfeuern vorbei oder an der
Küste mit Sicht auf springende Delfinen zur Uni zu fahren und dabei so gut wie
immer den Geruch von kaltem, salzigen Wasser in der Nase zu haben. Natürlich,
die Menschen möchten einen gerne anfassen, weil man eine Rarität ist. Nicht
wegen der Hautfarbe, sondern wegen des pinken Rades unterm Hintern. So was
schafft man sich nur an, wenn man Extremsportler oder Lebensmüder ist. In der
Regel sehe ich keinem von beiden ähnlich. Dem Lebensmüden nicht, weil ich mich
mit Vorsicht lieber auf Fußwegen fortbewege, anstatt von plötzlich endendem zu
plötzlich endenden Radwegen zu wechseln oder, Gott bewahre, mich auf die Straße
traue. Den Extremsportler nimmt man mir auch nicht ab. Zum einen habe ich das der
tiefen Zweifelsfalte auf der Stirn des Verkäufers entnommen, als ich versuchte
zu erklären, dass ich die schicken Rennräder zwar prima finde, ich aber eher
etwas Praktisches suche. Zum anderen konnte ich das der Bemerkung meines
Surflehrers entnehmen, der mich liebevoll Couch-Potato genannt habe, als ich
erzählt habe, dass ich auch ab und an Rad fahre. Dennoch gebe ich mein Bestes,
das Rad und mich zu quälen, um so viel wie möglich mitzunehmen, von allem, was
diese Ecke der Erde bietet. Denn so wie sich dieser bisher präsentiert hat,
muss man in ihn Herz schließen und nicht mehr hergeben wollen. Wo sonst hat man
ein Büro mit Blick auf Seen an denen Zebras grasen? Wo sonst sieht der Strand
alle zehn Meter völlig neu aus? Wo sonst geht im ganzen Viertel das Licht aus,
wenn sich ein Gewitter über das Meer in die Stadt unterwegs macht? Und wo sonst
stellt sich dann ein kleines Mädchen an mein Bein, während ich mit der Kamera
Blitze jage, und fragt völlig selbstverständlich: „What are you doing? I`m
afraid!“ Wo sonst, stellt man sich wie der letzte Vollidiot an, wenn man sich
dann doch mal in ein Auto setzt und registriert, das links fahren schwierig
ist. Vor allem, weil man den Scheibenwischer und den Blinker ständig
verwechselt und so für ein heiteres Vergnügen für zehn Kinder auf dem Truck vor
einem sorgt? Wo sonst findet man Muscheln, die nicht in die Hosentasche passen?
Ich weiß es nicht. Und momentan freue ich mich nur, auf die Monate die noch
bleiben.
Der Titel ist gemopst bei Daniel
Glattauer
25 März 2013
16 März 2013
Der fliegende Koffer
Ich dachte ich werde
nervös, wenn ich beim Arzt sitze und mir eine Impfung nach der nächsten in den
Arm jagen lasse. Eine gegen Leberschnupfen, eine gegen Hepatitis B, eine gegen
Zeckenbisse. Stattdessen bekomme ich unerwartet ein paar Tage frei, da mein
Immunsystem mit der vollen Ladung überfordert ist und die Führung auf die Couch
übernimmt. Das nimmt mir ein paar Tage ab, an denen ich mich fragen könnte, ob
das eigentlich alles gut überlegt war, als ich entschieden habe, den
Arbeitsplatz zu verlegen. Oder ob aus einer Schnapsidee langsam eine Realität
wird, die irgendwie unpassend erscheint. Unpassend, weil ich Flugangst habe,
enge Räume eher weniger mag und kurzzeitig katatonisch werde, wenn ich jemandem
auf Englisch erklären soll, wie der Colaautomat funktioniert. Aber gegen
Flugangst kann man sich behandeln lassen, in engen Räumen kann man sich Platz
verschaffen und die englische Sprache – nun ja, man kann sie improven.
Ich dachte ich werde
nervös, wenn ich ein halbes Leben in einen Koffer stopfen muss, den ich dann
auch selber tragen können soll. Stattdessen bestelle ich den Sperrmüll und
sortier aus. Warum kleckern, wenn man glotzen kann. Ganze Schränke und Tische
kommen raus. Damit es aufgeräumter ist, wenn ich wieder nach Hause komme. Und
was wichtig ist und mit muss, ist eigentlich sowieso klar. Die liebsten Kameras,
das standfesteste Stativ und die flutschigsten Stricknadeln.
Ich dachte ich werde
nervös, wenn ich meinen Büroschlüssel abgebe und Instruktionen zum Blumengießen
gebe. Stattdessen freue ich mich über eine sinnvolle Untervermietung meines
Wasserkochers und einen Arbeitsplatz mit Sicht auf den Indischen Ozean. Der
digitale Aktenordner wird gepackt und in die Hosentasche gesteckt sowie Blumensamen
mit hohem Kraftaufwand im noch gefrorenen Erdboden versengt.
Ich dachte ich werde
nervös, wenn ich im Flugzeug sitze und mich von Luftlöchern durchschütteln lasse.
Stattdessen wäge ich ab, welche Umstiegserfahrung skurriler war: die Nutzung
eines Zuges, um möglichst zügig von Gate zu Gate zu kommen oder das Rennen mit
25 Kilo auf dem Rücken zunächst zum Gepäckband und dann zur Sicherheitskontrolle,
damit ich dann, ohne Schuhe an den Füßen und mit dem Gürtel noch in der Hand,
mit rutschender Hose zum letzten Flugaufruf komme.
Ich dachte, ich werde
nervös, wenn ich merke, dass ich in der ersten Nacht vergessen habe, die
Wohnungstür zu zumachen. Stattdessen schlafe ich wie ein Stein und wache am
nächsten Morgen mit dem Meeresrauschen vor der Tür auf, trinke Kaffee bei 25
Grad auf dem Balkon und beobachte Grashüpfer von der Größe meiner Faust. Alles
ist in Ordnung. Ich bin zufrieden. Ich bin da. Südafrika.
Titel ist gemopst bei
Hans Christian Andersen




